Sprachliche Seltsamkeiten beim Thema „Krieg“ 2

In einem Artikel im Helsingin Sanomat schrieb Sofi Oksanen über Putin (Der Artikel ist in Finnisch und ich werde hier nur Teile wiedergeben, von mir übersetzt und ohne Gewähr: https://www.hs.fi/kulttuuri/art-2000008681742.html):

Putin ei ole seonnut“. Will so viel heißen wie: er ist nicht verrückt geworden. Weiter schreibt sie: „Es ist unwahrscheinlich, dass er an Hirntumor erkrankt ist, obwohl dies in letzter Zeit vermutet wurde, und in der Presse haben sich Psychiater und Sesselpsychologen über den Geisteszustand des Diktators geäußert.

Spekulationen lenken vom Wesentlichen ab: Die Handlungen des Tyrannen sind aus russischer Sicht Teil eines logischen Kontinuums. In den russischen Medien werden die Ereignisse in der Ukraine der Öffentlichkeit als rational dargestellt. Demnach befreien die Truppen die Ukraine vom Joch des Naziregimes und retten das Volk des Donbass vor dem Völkermord durch die Ukrainer.“

Für die Mehrheit der Bevölkerung reicht es also aus, dass die Begründung für den Krieg vertraut klingt und dem entspricht, was die Öffentlichkeit hören will: Putin soll Russland wieder zu altem Glanz verhelfen und jemanden vor den Bösewichten aus dem unglücklichen Westen retten.“

Ich verstehe das jetzt so, dass „Menschen“ gewillt sind, „Führungspersönlichkeiten“ geistige Gesundheit zu bescheinigen, wenn diese für ihren Krieg eine Begründung finden, die dem logischen Kontinuum ihres eigenen Denkens entspricht. Dabei scheint es doch genau umgekehrt zu sein. Führungspersönlichkeiten, in deren Denken Krieg eine logische Maßnahme zur Durchsetzung ihrer Interessen darstellt, sind „verrückt“ in dem Sinne, dass sie von dem vernünftigen Maß an Interessenvertretung, Selbstverwirklichung und dem „Leben und leben lassen“ weit „abgerückt“ sind.

Was ist Krieg? Immer noch Massenmord auf Befehl, also ein Verbrechen. Offenbar gibt es in der Menschheit jedoch ein „Gen“, wonach es möglich ist, Krieg zu begründen und zu rechtfertigen, sodass Krieg aufhört, ein Verbrechen zu sein, sondern stattdessen zu einer gerechtfertigten Methode wird, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Die Geschichte hat immer wieder bewiesen, dass es möglich ist, Menschen Krieg als „logisch und gerechtfertigt“ zu verkaufen. Der Holocaust und die Äußerungen Hitlers waren damals für die Deutschen ebenfalls ein „logisches Kontinuum“.

Solange Menschen also bereit sind, Krieg aufgrund einer für sie logischen Begründung als Maßnahme zur Durchsetzung von Interessen zu rechtfertigen, wird uns Krieg wohl bis in die Ewigkeit erhalten bleiben. Oder umgekehrt: ohne eine generelle Ächtung von Krieg als Maßnahme zur Durchsetzung von Interessen werden wir weiterhin „Massenmord auf Befehl“ erleben, vor allem da sich niemand so recht bemüht, eine Methode zu entwickeln, wie man Konflikte, die man in der Vergangenheit üblicherweise mit „Krieg“ zu lösen versuchte, auf „zivilisierte“ nicht-grausame Weise lösen könnte. Stattdessen wird die Grausamkeit des Krieges durch sprachliche Konstruktionen sozusagen „relativiert“ und die “Wertekorrektur nach unten” verschleiert.

Anders ausgedrückt: wir sollten alle überprüfen, ob wir selbst über ein logisches Kontinuum in unserem Denken verfügen und wenn ja, mit welcher Begründung Krieg für uns zur “Methode der Wahl” wird, um unsere Interessen durchzusetzen. Die gegenwärtigen Kriegstreiber werden sie alle nacheinander abklopfen, um “uns” in den Krieg hineinzuziehen. Und es wäre höchste Zeit, alternative Methoden zu entwickeln, damit Krieg führen nicht mehr länger als “Heldentat” angesehen wird, sondern als das, was es ist: ein politisches und menschliches Versagen.

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