Sprachliche Seltsamkeiten beim Thema „Krieg“ 1

Irgendetwas an der Art, wie über Krieg geschrieben und gesprochen wird, löst in mir Fragezeichen aus. Auf LinkedIn steht im Profil von Ursula von der Leyen zum Beispiel: „Russia is waging a cruel, ruthless war, also against Ukraine’s civilian population.“ Also „Russland führt einen grausamen, rücksichtslosen Krieg, auch gegen die Zivilbevölkerung der Ukraine.“ … Diese Art der Formulierung suggeriert indirekt, dass es eine Möglichkeit gibt, einen „nicht grausamen, rücksichtsvollen Krieg zu führen, der sich nicht gegen die Zivilbevölkerung richtet“.

Das sprachliche Vorgehen erinnert an eine „aussagenlogische Tautologie“ wie zum Beispiel die Disjunktion (Wikipedia): „Entweder es regnet, oder es regnet nicht“: Unabhängig davon, ob die in ihr vorkommende Aussage „Es regnet“ wahr ist oder nicht, ist die ganze Aussage wahr: Ist „Es regnet“ wahr, dann bleibt „Es regnet, oder es regnet nicht“ wahr, weil der erste Teilsatz der Disjunktion wahr ist. Ist „Es regnet“ aber falsch, dann ist damit „Es regnet nicht“ wahr. Dies wiederum ist aber der zweite Teilsatz der Disjunktion, sodass der ganze Satz auch in diesem Fall wahr ist.

Auf das obige Beispiel übertragen bedeutet dies: „Krieg ist grausam, oder Krieg ist nicht grausam“. Unabhängig davon, ob die Aussage „Krieg ist grausam“ wahr ist oder nicht, ist die ganze Aussage wahr: Ist „Krieg ist grausam“ wahr, dann bleibt „Krieg ist grausam, oder Krieg ist nicht grausam“ wahr, weil der erste Teilsatz der Disjunktion wahr ist. Damit wurde die Vorstellung als „wahr“ etabliert, dass Krieg entweder grausam oder nicht-grausam sein kann und das scheint mir doch bedenklich zu sein. Damit nun die Aussage „Krieg ist grausam, oder Krieg ist nicht grausam“ insgesamt auch in der Umkehrung wahr bleibt, muss nun der erste Teilsatz der Disjunktion „Krieg ist grausam“ zumindest in den Köpfen falsch werden bzw. die Aussage „Krieg ist nicht grausam“ wahr werden, denn nur unter dieser Illusion sind Menschen bereit, Krieg zu befürworten.

Dies gelingt unter Zuhilfenahme der Bezeichnung „Krieg“ für ein Vorgehen, das bei genauer Betrachtung als „Massenmord auf Befehl“ bezeichnet werden müsste (also ein Verbrechen). Nach allem, was ich über die Materie gelesen oder gehört (zum Glück nicht selbst erfahren) habe, ist Krieg immer grausam, rücksichtlos und trifft immer und vor allem die Zivilbevölkerung. Durch die Bezeichnung „Krieg“ gelingt jedoch ganz unbemerkt die „Wertverschiebung“, die nötig ist, um die Aussage „Krieg ist nicht grausam“ im tautologischen Sinne wahr werden zu lassen:

Selbst wenn diese hartnäckige Illusion eines klinisch sauberen Kriegs ohne Schaden für die Zivilbevölkerung, also ein im Sinne der obigen Tautologie „nicht-grausamer Krieg“, tatsächlich jemals einträte und sich nur Soldaten gegenseitig auf Befehl umbringen würden (was bisher noch nie der Fall war und wohl auch nie sein wird), wird die verbrecherische Natur des „soldatischen Massenmords“ allein durch den Begriff „Krieg“ verschleiert und dieses Vorgehen gilt nicht mehr als grausam. Der Begriff „Krieg“ ist gleichbedeutend mit „es gelten andere Maßstäbe für Grausamkeit“, auch wenn faktisch alles, was im Krieg geschieht, definitiv grausam ist und bleibt.

Es sieht so aus, als ob man versucht, den Krieg in der Ukraine zu verurteilen, und gleichzeitig versucht man zu vermeiden, Krieg generell als Methode zur Durchsetzung von Interessen verurteilen zu müssen. Grund hierfür könnte sein, dass man die Waffenproduktion als Industriezweig weiterhin aufrechterhalten will. Vielleicht aber plant man selbst bereits einen „nicht-grausamen“ Krieg, der ja jetzt durch diese sprachliche „Verschwurbelung“ möglich geworden ist? Oder es ist einfach dem bitteren Eingeständnis geschuldet, dass Krieg auch in Zukunft nicht zu vermeiden sein wird, weil immer noch keine Methode gefunden wurde, wie man diejenigen Konflikte „zivilisiert“ lösen kann, für deren „Lösung“ dem Menschen bisher immer nur Krieg als „Lösungsmethode“ eingefallen ist. Und solange Krieg als Lösungsmethode für Konflikte im Repertoire der Menschheit akzeptiert bleibt, wird sich dies wohl nicht ändern.

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