Sibelius in der Holzkiste

Lahti_smallEndlich habe ich es geschafft, ein Konzert im berühmten Sibelius Saal in Lahti zu hören. Schon im Februar hatten wir die Karten gekauft, im April war das Konzert bereits ausverkauft: BBC Orchester aus London, Okko Kamu der Dirigent, Sergei Malov als Solist. Gespielt wurde das Violinkonzert und die 2. Symphonie von Jean Sibelius, als Zugabe ein Solostück von Bela Bartok für Violine und der Valse Triste von Sibelius.

Fan-tas-tisch. Dabei könnte ich es jetzt belassen. Aber das Konzert hat mich in vieler Hinsicht tief beeindruckt und ich habe das Bedürfnis, dies zu beschreiben.

Der Sibelius Saal ist international berühmt für seine Akustik. Vor dem Konzert konnte ich mir nicht so recht vorstellen, was damit gemeint sein könnte. Nun habe ich eine gewisse Ahnung. Salopp könnte man das Gebäude als eine „große Holzkiste in einer Glashülle beschreiben“. Ein Meisterwerk moderner Holzarchitektur würden vermutlich Kulturbeflissene als Bezeichnung wählen. Auf jeden Fall hat der Saal meine Vorstellung von „Stille“ verändert, oder erweitert. Viele würden vielleicht wie ich Stille als eine „Abwesenheit“ von Klang oder Geräusch beschreiben. Schon beim Betreten des Saales bekam ich jedoch das Gefühl, das Stille hier etwas anderes bedeutet. Es ist hier vielmehr die „Erwartung von Klang“. Als wäre der Saal gefüllt mit einer samtweichen, unsichtbaren Substanz, die nur darauf wartet, dass aus ihr Klang geboren würde. Und so ähnlich fühlte es sich dann auch an.

Noch am Morgen war ich mit einer Reisegruppe am Sibelius-Denkmal in Helsinki, es gehört zum Standardprogramm der meisten Stadtführungen. Immer wieder die Frage, was die Bildhauerin Eila Hiltunen wohl damit gemeint haben könnte. Bei dem Konzert bin ich der Antwort auf diese Frage vielleicht etwas näher gerückt. Bei den ersten Klängen des Violinkonzertes hatte ich das Gefühl, im Kopf von Sibelius zu sitzen. So muss es sich angefühlt haben für ihn. Sein Geist war, so wie das Monument, ein Kunstwerk aus hunderten offenen Kanälen, durch die die Musik förmlich in ihn hineindrängte und ihn antrieb, sie aufs Papier zu bringen. Ich habe Komponisten nie so richtig verstanden, woher ihre Musik kommt. Aber es ist vielleicht nicht so, dass sie diese produzieren. Es ist vielmehr so, dass sie bereits da ist, unhörbar, in irgendwelchen Sphären ganz weit oben, die Normalsterbliche gar nicht wahrnehmen. Der Komponist ist wie ein Kanal, durch den die Musik für alle hörbar wird, daher die vielen Röhren im Sibeliusdenkmal in Helsinki. Vermutlich wurde Sibelius geboren, um genau diese Musik aufzuschreiben, eine Musik, in der die finnische Natur und die Geburt der finnischen Nation mitschwingen.

entrancehallNoch faszinierender war für mich der Eindruck, dass in diesem Saal nicht nur Musik erklingt. Vielmehr bildet der Raum das Gesamtkunstwerk Symphonie messerscharf ab. Wenn ich die Akustik beschreiben müsste, dann würde ich sie vermutlich als „trocken und klar“ bezeichnen. So wie ein eiskalter, klarer Wintermorgen in Finnland, der der Luft alle Feuchtigkeit entzogen hat. Jedes Eiskristall glänzt in der Sonne. Es gibt keinen Hall, nichts verschwimmt, kein Weichzeichner, jeder Ton ist zu hören und die Entstehung der Symphonie ist als Ganzes spürbar. Der Geist des Komponisten schwebt über allem (heißt ja schließlich Sibelius-Saal), empfängt die Musik und bringt sie auf die Notenpulte des Orchesters. Hier wird der Klang geboren. Das klingt vermutlich schwulstig, aber im Vergleich zu anderen Konzerten, die ich in anderen Sälen gehört habe, löste sich der Klang im Sibelius Saal nicht vom Orchester. Die Symphonie füllt zwar wie ein enormes „Klangkissen“ die Mitte des Saales, aber darunter bleibt immer jeder einzelner Musiker spürbar. Jede einzelne Fingerbewegung, jeder Atemzug, der zur Entstehung des Gesamtkunstwerkes beiträgt, die präzise Arbeit, die den Klang erzeugt, ist immer gegenwärtig. Das fand ich absolut beeindruckend. In gewisser Hinsicht ist dieser Saal, glaube ich, gnadenlos für die Musiker, denn jeder noch so kleine Fehler wird unerbittlich abgebildet. Aber es gab keinen – Fehler, meine ich. Zumindest konnte ich keine hören.

Leider gibt es keine Aufnahme mit Sergei Malov. Hier über den Link also eine Aufnahme mit Maxim Vengerov und Daniel Barenboim, Chicago S.O.: Violinkonzert Sibelius

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